Spiel im Dunkeln C

Das Klassenzimmer ist abgedunkelt. Gebannt blicken die Erstklässlerinnen und Erstklässler auf die Wand hinter der Lehrerin, wo der einsatzbereite Beamer aber erst ein langweiliges helles Rechteck zeigt. Frau Roleder sucht auf ihrem Laptop den kurzen Cartoon, den sich die Kinder heute fürs Bravsein verdient haben. Es wird still im Klassenzimmer.

Mitten in diese Ruhe hört Frau Roleder ein Raunen, gefolgt von Ohhs und Ahhhs, dann beginnen die ersten Kinder zu lachen. Sie dreht sich um und staunt, wie jemand Schattenfiguren auf das helle Feld projiziert. Dabei wird eine ganze Geschichte erzählt: Von einer Prinzessin, einem Schatz und einem bösen Räuber. Es sind die kreativsten und prächtigsten Figuren, die sie je gesehen hat.

Natürlich will die Lehrerin wissen, wer so virtuos mit Licht und Schatten spielen kann. Die Augen zusammenkneifend blickt sie ins Halbdunkel. Sara. Das kleinste, unscheinbarste, einsamste Mädchen. Das keine Freundin hat und in den Pausen für sich bleibt. Das kaum redet. Das nie lacht.

Keine Minute nach Saras wunderbarer Darbietung ist der Schultag zu Ende und das Klassenzimmer bis auf die Lehrerin leer. Das gerade Gesehenen löst bei ihr zwiespältige Gefühle aus: Zum einen ist sie erleichtert, dass ausgerechnet Sara etwas so Schönes kann und hofft, dass das kleine Mädchen dadurch mehr Anschluss findet. Zum anderen verspürt Frau Roleder aber auch eine Bitterkeit, eine diffuse Sorge. Schliesslich kann sie den wild umher flatternden Gedanken greifen. «Sara muss sehr viel üben. Wochen-, ja monatelang. Immer und immer wieder.»

 

Als es abends an Saras Zimmertür klopft, sitzt sie im Dunkeln auf ihrem Bett und blickt auf die Wand vor ihr. Sie hat damit gerechnet, dass Frau Roleder ihrer Mutter etwas von der heutigen Schulstunde gesagt haben könnte. Sie wird Sara also kaum in Ruhe lassen – auch wenn diese nicht antwortet.

Die langsam öffnende Tür wirft einen breiter werdenden Lichtstreifen ins Zimmer. Sara blickt unbeirrt auf die Wand und sieht, wie sich die Person im Lichtkegel langsam umdreht und die Türe wieder schliesst. Dann setzt sich ihre Mutter neben sie.

«Hallo Liebes. Was habt Ihr heute in der Schule gemacht?» fragt Claudia unverbindlich.

«Nichts Besonderes», antwortet die Tochter einsilbig.

Behutsam fragt die Mutter weiter: «Und was machst Du jetzt?»

«Nichts», kontert Sara, bevor sie nach einem langem Moment anfügt: «Warten.»

Beide blicken auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Claudia kennt ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass die Frage «Worauf?» Sara eher bedrängt als zum Reden animiert hätte. Also fragt sie so unbekümmert wie möglich: «Darf ich mitwarten?»

Sara schulterzuckend: «Meinetwegen.»

Sprachlos sitzen sie da. Die um sich greifende Stille ist dicht scheint sich zu vergrössern. Beide spüren aber auch eine wohlige Geborgenheit und ihre tiefe Verbindung zwischen ihnen.

Plötzlich wirft der runde Mond ein samtenes Licht durch das Fenster. Gleichzeitig lädt er Sara mit kreativer Energie auf. Ganz automatisch und tausendfach geübt, beginnen ihre Arme, Hände und Finger einen virtuosen Tanz, bei dessen Bewegungen die kreativsten und unglaublichsten Schattenbilder auf der mondbeschienenen Wand entstehen. Saras Verrenkungen werden immer wilder und tollkühner, je länger das Spiel im Dunkeln dauert. Nach einem Hund, einem Pferd und einem Hasen werden die Bewegungen langsamer. Es folgen ein Auto, dann ein Mann. Schliesslich formt sie mit ihren geschickten und unfassbar beweglichen Händen ein junges Mädchen. Dieses Bild behält sie für lange Momente bei, bevor sie ihre Hände feierlich in ihrem Schoss sinken lässt. Sara weint.

 

Claudia nimmt ihre Tochter sanft in die Arme.
Minuten zerrinnen, ehe sie mit ebenfalls tränenerstickter Stimme fragt:
«Vermisst du sie auch so sehr?»
Sara nickt, den Kopf an die Schulter der Mutter gepresst. Lautlos teilen sie Schmerz und Trost.

Claudia sinniert: «Das ist gut – auch wenn es sehr weh tut.»

Sara blickt mit fragenden und verweinten Augen hoch zu ihrer Mutter. Diese erklärt mit brüchiger Stimme: «Deine kleine Schwester und Papa leben weiter, weisst Du? Eben weil wir sie vermissen und die schönen Erinnerungen in unseren Herzen behalten.»

Mutter und Tochter wiegen sich kaum spürbar. Die schmerzhafte Trauer nach dem Unfall im letzten Jahr zieht einmal mehr in ihnen vorüber. Schliesslich erklärt Claudia eindringlich: «Du darfst traurig sein. Allein. Oder mit mir. Du darfst aber auch fröhlich sein. Spielen. Und Lachen. Und eine beste Freundin haben.
Oder meinst Du, Janine hätte gewollt, dass Du immer traurig bleibst?»

Nach langem Überlegen schüttelt Sara bedächtig den Kopf. Dann halten sich beide erneut für wortlose Minuten fest, bis die Mutter fragt:

«Spielst Du mit Janine, wenn Du diese Figuren machst? Weil sie jetzt im Himmel ist?» 


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