Fröhliche Weihnachten

Ein angenehmer Geruch nach Seife durchzog die ganze Wohnung. Die Böden glänzten, auf den Regalen hatte sich noch kein neues Staubkorn niederlassen können. Der Seifengeruch wurde vom Aroma des Tannenbaums umspielt. Endlich, endlich war es soweit, es war wieder Weihnachten. Louise hatte den Tisch bereits gedeckt. Zwischen der Kaffeekanne, dem Tortenteller und dem Geschirr glitzerten Weihnachtskugeln, Engelchen und versilberte Tannenzapfen um die Wette. Auf dem Gestell neben dem grossen Fenster thronte der Adventskranz mit seinen vier ungleich abgebrannten Kerzen und verströmte ein wärmendes Licht, das vom prasselnden Feuer im Kamin, der in der Mitte des grossen Raums herabhing und damit die Grenze zwischen Ess- und Wohnbereich markierte, unterstrichen wurde. Leicht versetzt, hinter dem üppig, in Silber geschmückten Tannenbaum stand eine Staffelei mit einem verhüllten Bild.

Louise hatte sich sichtlich bemüht, die Tafel und das Ambiente zu seiner Zufriedenheit herzurichten. Ihr prüfender Blick schweifte durch den Raum, doch alles hielt ihrem kritischen Auge stand. Sie ging zur Stereoanlage, wählte ein Klavierkonzert von Rachmaninov und setzte sich mit einem Glas Champagner auf das Sofa. Das waren ihre Minuten. Ihre Minuten, in denen sie den Zauber von Weihnachten in sich aufzunehmen versuchte. Sie betrachtete den Weihnachtsbaum, liess sich von dem Geglitzer wegtragen in frühere Weihnachten, als sie noch ein kleines Kind war und mit ihrer Mutter allein in der bescheidenen Wohnung feierte. Was hatte sie sich nicht über die wenigen, aber für sie um so wertvolleren Geschenke gefreut. Und heute? Heute sass sie in dieser abgefahrenen Maisonettewohnung mit Blick über den See, trug ein Kleid von Armani, am Ringfinger einen unübersehbaren Diamantklunker. Jetzt hatte sie all das, was sie sich als Kind nie hätte träumen lassen.

Sie hörte David die Treppe herunterkommen. Er trug seinen Smoking, der seine trainierte Statur umschmeichelte. Bei seinem Anblick zitterten ihre heute noch die Knie.

Er hauchte ein Hallo Darling in ihr Ohr und berührte ihre Stirn sanft mit seinen Lippen. Die Klingel ertönte und kündigte damit seine Eltern an. Die Begrüssung fiel wie üblich reserviert kühl aus. Louise registrierte einmal mehr, dass Martha zu ihrem eng anliegendem, schwarzen Kleid die unsäglichen Stöckelschuhe trug, deren spitzen Absätze Löcher in den Olivenholzparkett drückten. Philipp hatte entsprechend seiner Gewohnheit seine Pfeife im rechten Mundwinkel hängen, an der er ab und zu nuckelte. Der aufdringliche Geruch nach süsslicher Vanille übertönte den weihnachtlichen Duft des Tannenbaums.

Wie alle Jahre stiessen sie mit einem Glas Champagner auf Weihnachten an. Davids Eltern erkundigten sich nach seiner Arbeit, ob er bald Aussicht auf eine Professur an der Uniklinik hatte, mit welchen neuen Erkenntnissen die Forschung aufwartete, an denen er teilhatte. Nur Louise bedachten sie mit keiner Frage. Louise nahm dies stoisch hin, machte gute Mine zum bösen Spiel und freute sich trotz allem auf die feine Zitronentorte, die im Kühlschrank auf ihren Verzehr wartete. Heute musste sie keine Kalorien zählen, heute durfte sie nach Herzenslust essen. Wenigstens war das ein Vorteil der elterlichen Besuche, David nörgelte nicht an ihr über das, was sie gegessen hatte, herum. Und diese Gelegenheit wollte sie sich nicht entgehen lassen. All die Leckereien, die für heute noch vorgesehen waren.

Wie wenn er ihre Gedanken gehört hätte, nahm er ihre Hand, zog sie zu sich her und legte den Arm um sie. Schön, erinnerte er sich daran, dass sie seine Frau war.

Sie wollten sich gerade zu Tisch begeben, als Davids Blick auf die Staffelei hinter dem Weihnachtsbaum fiel. Ungläubig sah er Louise an.

„Ist es das, wofür ich es halte?“ Noch bevor sie antworten konnte, ging er hin und zog das Tuch beiseite. Zum Vorschein kam ein Acrylgemälde, das entfernt an einen Bergkamm erinnerte. Vor ein paar Wochen hatten sie das Gemälde an einer Vernissage bewundert. Sie waren sich einig, dass sich das Kunstwerk im Flur gut machen würde, nur war der Preis etwas üppig.

„Nein, Louise, wie konntest du nur? Kapierst du es denn nie? Musst du so mit meinem Geld umgehen?“, David schüttelte verständnislos den Kopf.

Louise merkte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht schoss. Und zu allem Überfluss spürte sie die kritischen Blicke ihrer Schwiegereltern auf sich, die sich an der Auseinandersetzung ergötzten. Louise hatte schon immer das Gefühl, dass die beiden sie nicht mochten, sie ihnen nicht genügte. Sie, die kleine Assistentin, für die sich der vielversprechende Oberarzt der Herzchirurgie entschieden hatte. Dieses Mal aber zerbrach etwas in ihr. Trotz all ihrer Bemühungen war der Hausfrieden auch diese Weihnachten wieder gebrochen.

Doch. Sie hatte kapiert. Endlich.

 

Beim Aufstehen fiel ihr Stuhl nach hinten weg, sie stapfte durch den Raum, die Treppe hoch und kam keine zehn Minuten später mit zwei Reisetaschen beladen herunter. Sie verabschiedete sich mit einem verkniffenen „Fröhliche Weihnachten“ und schloss die Tür von aussen, um sie nie wieder zu öffnen.


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