Winternacht im Park

Er war zufälligerweise beim Surfen im Internet auf das Bild gestossen. In einem Wettbewerb sollte man, davon inspiriert, eine Geschichte schreiben.

 

Das Bild zeigt eine nächtliche winterliche Szene: Ein Mann, auf einer Bank offenbar am Rand eines Parks sitzend, scheint sich angeregt mit einem vor ihm sitzenden Hund zu unterhalten. Hinten leuchtet eine Strassenlampe. Kahle, schneebedeckte Aeste von Bäumen ragen ins Bild. Offensichtlich ist es sehr kalt: An den Aesten klebt gefrorener Schnee und an der leeren Bank nebenan hängt ein Eiszapfen. Schnee fällt. Der Mann trägt Mantel und Hut und um den Hals ein dickes Halstuch, das sogar seinen Mund bedeckt.

 

Etwas an dem Bild irritierte seinen Betrachter. Klar, der Hund hockte auf seinen Hinterbeinen so wie Hunde eben hocken. Aber die Hinterbeine waren kaum zu sehen. Es schien fast, als sässe er in seichtem Wasser, das bis an den Randstein reichte, der den Park begrenzte. War er vielleicht festgefroren? Alle Flächen, auch die vermeintliche Wasserfläche, glänzten nämlich, als seien sie von tückischem Eis bedeckt oder ganz gefroren. Na ja, dachte der Betrachter, ein hübsches Bildchen, in dem nicht alles ganz gelungen ist, und surfte weiter.

 

Abends vor dem Einschlafen, als er den Tag Revue passieren liess, erschien ihm das Bild mit allen Details wieder. Er besass sonst kein speziell gutes optisches Gedächtnis, aber dieses Bild hatte sich ihm offenbar besonders eingeprägt. Warum bloss? OK, auch er selbst war alt und fühlte sich gelegentlich einsam. Er hätte ganz gut an der Stelle des Mannes im Bild auf einer Parkbank sitzen können und hätte sich sicher auch über den Besuch eines fremden Hundes gefreut.

 

Der Hund wedelte leicht mit dem Schwanz, was im seichten Wasser kleine Wellen erzeugte. Helle Lichtflecke, Spiegelungen des Lichts aus der Strassenlampe, wanderten mit den Wellen in die dunkle Wasserfläche hinaus und verschwanden dort. Der schwache Schneefall genügte, um die Lichter vom jenseitigen Ufer des kleinen Sees zu verdecken. Dort drüben am Hang stand sein altes Haus, von dort war er vor wenigen Stunden zur See-Umrundung aufgebrochen. Normalerweise unternahm er diesen Fussmarsch tagsüber. Aber heute hatte er sich erst beim Eindunkeln auf den Weg gemacht. Es machte ihm nichts aus, jetzt in tiefer Nacht hier am Rand des Parks zu sitzen und auf den See hinaus zu blicken ohne etwas Bestimmtes zu sehen. Er war warm genug angezogen, um nicht zu frieren, und für den Rückweg entlang dem andern Ende des Sees trug er eine starke Taschenlampe bei sich.

 

Der Hund! Wo kam denn der eigentlich her? Das war ganz sicher kein Streuner. Sein Fell glänzte, er sah wohlgenährt aus und trug ein Halsband. "Na, wo kommst denn du her?", fragte er ihn. Der Hund wedelte stärker und antwortete mit zwei kurzen "Wuff". "Wo ist denn dein Herrchen?", fragte er weiter, denn die Besitzerin oder der Besitzer des Hundes konnte ja nicht weit sein. "Wuff, wuff" war die Antwort. Es entspann sich ein längeres, leises Zwiegespräch: Er sprach Menschenworte, der Hund antwortete mit Hundeworten. Schliesslich nahm er aus seiner Manteltasche die zweite Hälfte des Schinkenbrots, das er als Wegzehrung mitgenommen hatte, und legte ein Stück davon neben sich auf den Boden. Der Hund stand auf, kam ganz aufs Trockene, frass das Brotstück, schüttelte sich, sagte dann laut und entschieden "wuff" und trabte davon in den Park.

 

Der Mann blieb noch kurz sitzen und dachte der freundlichen Unterhaltung mit dem Hund nach. Es war ja nicht so, dass er vereinsamt lebte. Er hatte guten Kontakt zu seinen Nachbarn und seine Kinder, die weit entfernt wohnten, riefen ihn öfters an. Doch mit einem Hund zu sprechen, das war neu für ihn. Wohl hatte er eine Katze, mit der er sich gut verstand. Aber mit einem Tier ein Gespräch zu führen und nachher das Gefühl zu haben, das jeder dem Andern etwas Bemerkenswertes erzählt habe – so etwas hatte er noch nie erlebt. Wurde er senil?

 

Er stand auf, um nach Hause zu gehen. Da kam plötzlich der Hund aus dem Park angerannt, legte einen Knochen vor seine Füsse und verschwand wieder im Park. "Danke!", rief er ihm nach und wartete noch ein Weilchen, gespannt darauf, was weiter geschehen würde. Doch der Hund zeigte sich nicht mehr. So machte er sich gedankenvoll und beschwingt auf den Heimweg.

 

Am Morgen erwachte er mit den Nachrichten aus dem Radiowecker. Er erinnerte sich, etwas Angenehmes geträumt zu haben. Es hing mit einem Bild zusammen und er hatte mit jemandem gesprochen. Mehr wusste er nicht mehr. Doch jetzt war es Zeit, aufzustehen. Er schwang die Beine aus dem Bett und trat unerwartet mit dem Fuss auf einen harten Gegenstand. Verwundert schaute er nach. Da lag ein Knochen.

 

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