Serafina's sehnliche Wünsche

 

Es war einmal eine sehr alte, fast hundertjährige Frau. Geboren wurde sie in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts im schmucken Städtchen Wiesbaden in Westdeutschland. Wohlbehütet war sie aufgewachsen, als pummeliges Einzelkind einer Kaufmannsfamilie. Leidenschaftlich gerne vertrieb sich die  Kleine die Zeit mit zeichnen und malen. Was damals nicht selbstverständlich war, sie konnte sich zur Grafikerin ausbilden lassen.

 

Nach Abschluss ihrer musischen Ausbildung traf sie auf den Fridolin aus Ostdeutschland. Auch er hatte einen künstlerischen Beruf, er malte die Kulissen am Stadttheater Wiesbaden. So kreuzten sich ihre Wege. Die mollige kleine Serafina und der sportliche grosse Fridolin verliebten sich. Schon bald wurden sie ein glückliches Paar.

 

Nach Ende der Kriegsjahre brachen sie auf, verliessen gemeinsam die deutschen Lande. In der historischen Klosterstadt St. Gallen gründeten sie ihre Familie. Serafina gebar ihrem Fridolin zwei Söhne. Das naturliebende Paar liebte diese reizvolle Stadt und das nahe, bezaubernde Säntisgebiet. Bis ins hohe Alter wanderten sie in den Bergen, bestaunten die liebliche Landschaft und die betörende Flora. Fridolin knipste Fotos, um all die Schönheiten festzuhalten.

 

Das Handweben wurde zum ganz speziellen Hobby der Serafina. Selbst kreierte, faszinierende Bilder verwandelte sie in wunderschöne Handwebteppiche. Einzigartige Kunstwerke entstanden.

 

Doch nun, im Alter von über neunzig Jahren, bekam sie zunehmend Altersbeschwerden. Serafina kann kaum noch sehen und hören. Sie, die immer so aktiv und interessiert war. Auch jetzt, in ihrem hohen Alter, ist sie immer noch geistig vital. Deshalb belastet sie ihr Problem umso mehr.

 

Ihre sehnlichsten Wünsche tief in ihrem Herzen, sie würde so gerne noch einmal gut sehen und hören können. Nur zu gerne würde sie ihrem Fridolin etwas Schönes stricken.

 

Simsalabim – eine goldene Tür öffnet sich – in der sonst kahlen Wand. Eins sanfte Stimme fordert Serafina auf: „Geh durch die Tür, dann werden sich deine Wünsche erfüllen!“

 

Vorsichtig schreitet Serafina durch die goldene Türe. Oben an der Wand liest sie die kalligraphisch schön geschwungenen, Worte: „Heute ist dein grosser Tag“

  

Ein leises Rauschen – dann hört sie den Elisabethen-Walzer. Fridolin kommt auf sie zu – er führt Serafina  im Takte zur Musik übers Parkett. Glücklich verliebt, wie in jungen Jahren, blinzeln sie sich zu. Träumen sie? Fridolin kneift sie, Serafina kneift ihn. Au - ah! Nein, sie sind da, im berauschenden Gemach. Zu schön um wahr zu sein! Ein tiefer Blick, sie umarmen sich, und glauben immer noch, zu träumen.

 

Hand in Hand gehen sie weiter und schmieden Pläne. Etwas Einmaliges wollen sie sich gönnen.

 

Wie ihr ganzes gemeinsames Leben lang, einigen sie sich in aller Bescheidenheit auf etwas Spezielles, ihrem Wesen entsprechend. Zusammen gehen sie zur Buchhandlung, wählen überlegt ein spannendes Buch aus. Die Geschichte über Mutter Teresa. Weiter geht es zum Handarbeitsgeschäft. Übermütig flirtend entscheiden sie sich auf eine angenehm weiche, beige-braune Mohair Wolle. Daraus wird die Serafina für ihren Fridolin ein wunderschöne, warme Jacke stricken.

 

Zurück im Altersheim machen sie es sich gemütlich. Serafina beginnt zu stricken, Fridolin liest ihr die Geschichte über Mutter Teresa vor. Sie geniessen das behagliche, traute Beisammensein. Ab dem Tag geht es so weiter, stricken und vorlesen, zusammen geniessen.

 

Zwei Wochen später sind sie am Ziel, das spannende Buch ist gelesen, die Geschichte in ihren Herzen

 

aufgenommen. Und gleichzeitig entstand die weiche, wohlig anschmiegsame Jacke. Wie könnte es anders sein, diese Jacke bekommt den ehrwürdigen Namen: „Mutter-Teresa-Jacke“

 

Genau zu der Zeit komme ich auf Besuch und erfahre von diesem wundervollen Ereignis. Auch ich bin überrascht, ja berührt und freue mich mit den Beiden.

 

Nun will ich auch etwas Besonderes unternehmen mit Serafina. Ich begleite sie und Fridolin die vielstufige Treppe hinunter zum gepflästerten Klosterplatz. Dann noch etwas weiter und wir stehen vor dem Textilmuseum. Fast andächtig treten wir ein. Ich schenke ihnen den Museumsbesuch.

 

Mit glänzenden Augen, übermannt vor Freude, spazieren sie durch die Ausstellung mit den kostbaren Stoffen aus edlen St. Galler Stickereien. Welch eine Pracht. Serafina ist überwältigt und fasziniert. Dass sie dieses wunderschöne, bezaubernde Erlebnis geniessen darf.

 

Nach diesem beeindruckenden Museumsbesuch lade ich die vergnügten Turteltäubchen zu einem duftenden Kaffee  im altehrwürdigen Café in der St. Gallert Altstadt ein. Danach fahren wir mit dem Bus hinauf zum Altersheim. Das Hochsteigen  wäre doch zu anstrengend für die Beiden. Zurück im Heim lassen sie sich das einfache Nachtessen schmecken. Rösti mit Spiegelei. Sie sind überglücklich.

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute in der Gallus-Stadt wie der Gallus vor vielen Jahren.

 

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