Schutzengel Felice

Vorwort

Der Schutzengel Felice meldet sich beim Chef zurück. Er hat seinen Auftrag erfüllt und wartet nun auf neue Anordnungen.

 

«Es ist Weihnachtszeit,» sagt der Chef. «In dieser Zeit sind die Menschen oft gestresst oder melancholisch, gewöhnliche Probleme werden plötzlich schwerwiegend. Deshalb fliege hinunter, nimm zwei Säckchen mit guten Düften mit. Das eine beruhigend für die Gestressten, das Andere für Traurige aufmunternd. Halt die Sinne offen, damit Du spürst, wenn jemand Hilfe braucht!»

 

Dieser Auftrag machte Felice Spass. Er verbreitete gerne Harmonie und Glück. Damit ihn niemand sah zog er einen schwarzen Umhang an mit Kapuze. Nun konnte er vom späten Nachmittag an im Dunklen unerkannt über die Häuser fliegen und in alle Fenster gucken. Der Weihnachtsabend war bitterkalt, doch das macht einem Engel nichts aus.

 

Susanne

Susanne sass im Lehnstuhl und haderte mit Gott und der Welt, jedoch vor allem mit sich selber. Sie fühlte sich mutterseelenallein, verlassen von allen und von niemandem geliebt. Sie versuchte ihre schlechten Gedanken mit Rotwein zu verscheuchen, die Flasche war bereits halb leer. Die leichte Trunkenheit verstärkte indes ihre Traurigkeit noch. Sie schwelgt in Erinnerungen:

 

Wie war ich doch hübsch, schlank und aufgestellt vor fünfzig Jahren. Ich schwebte auf Wolken, als ich Robert kennenlernte. Wir verliebten uns sofort, heirateten bald.

 

Sie spürte in Gedanken die beiden Babys in ihren Armen, weich und anschmiegsam. Zuerst kam ein Bub, zwei Jahre später ein Mädchen. Alles war damals noch gut.

 

Nein, ich will nicht weiterdenken. Susanne steht auf, holt sich ein paar Keckse, trinkt wieder ein Glas vom Wein und driftet erneut in Erinnerungen. Wie kleine Teufelchen, setzen sie sich in ihrem Kopf fest:

 

Ihr Körper versteift sich, sie sieht das Auto auf ihren kleinen Sohn zurasen. Er fliegt durch die Luft und fällt auf den Kopf. Alle Bemühungen des Rettungsdienstes waren umsonst.

 

Dies war der Anfang von ihrem Unglück. Sie weinte tagelang, sie konnte sich nicht damit abfinden. Ihr Mann verstand es nicht, er versuchte zuerst alles, sie von ihrer Traurigkeit zu erlösen. Nichts nützte. Schliesslich hat er sie verlassen. Alleine mit der kleinen Tochter war sie jedoch nicht fähig, dem Kind eine gute Mutter zu sein.

 

Wieder reisst sich Susanne aus diesen trüben Gedanken, versucht sich abzulenken mit dem Fernseher, trinkt noch den Rest aus der Flasche dazu. Nun ist sie schon recht betrunken und die Gedanken entgleiten erneut.

 

Sie denkt an die Depressionen, die eine jahrelange Odyssee durch Kliniken zur Folge hatten. Später, als sie wieder gesund war holte sie ihre fünfzehnjährige Tochter aus dem Platzspitz heraus. Zu spät, Stefanie hatte bereits Aids und starb kurz darauf daran. Davon konnte sich Susanne nie mehr erholen. Schuldgefühle nahmen ihre jede Möglichkeit neue Bekannte kennen zu lernen und sie blieb alleine.

 

Mit all diesen verwirrenden Gefühlen kam sie nicht zurecht. Plötzlich wusste sie wieder, was sie heute an diesem bitterkalten Weihnachtsabend eigentlich wollte. Sie packte eine weitere Flasche Rotwein in die Tasche und noch sonst ein paar Sachen und verliess das Haus.

 

Ruedi

Ruedi schmückte einen kleinen Tannenbaum. Wie immer mit Kerzen, Kugeln und Lametta. Er kochte sich etwas Feines zum Abendessen und trank ein Glas roten Wein dazu. Die Stube war warm und gemütlich. Alles wie jedes Jahr. Doch sein Herz schlug schwer in der Brust. Er war zum ersten Mal alleine an Weihnachten. Seine geliebte Frau starb vor zwei Monaten. Fünfundvierzig Jahre waren sie verheiratet, die letzten Monate hatte er sie aufopfernd gepflegt. Und nun hatte sie ihn verlassen.

 

Die Weihnachtslieder aus dem Radio wollten nicht so recht passen, er hatte den inneren Frieden noch nicht gefunden und vermisste seine Erna sehr. Er gab sich jedoch Mühe, nicht in Trauer zu versinken, sondern seinen Tagen einen geregelten Ablauf zu geben. Manchmal gelang es, an solchen Tagen wie heute war es schwierig.

 

Mit seiner Tochter, die in Australien wohnt, hatte er am Nachmittag telefoniert. Sie versuchte, ihn zu trösten. Kommen konnte sie nicht schon wieder, war sie doch bei der Beerdigung dabei.

 

Er überlegte: Vielleicht sollte ich nächste Weihnachten nach Australien reisen, Mit siebzig Jahren wäre es vielleicht noch möglich.

 

Nun stupste ihn sein Hund Ricco mit der Schnauze. Er fühlte die Traurigkeit und überdies wollte und musste er gerne mal nach draussen.

 

«Ja, ich komme, Du sollst nicht unter meiner Stimmung leiden!» beruhigte Ruedi seinen Hund. Er zog sich an, nahm die Leine und zusammen ging es los in die eiskalte Dunkelheit.

 

Eine halbe Stunde trotteten sie dahin, Ruedi etwas in Gedanken versunken. Er konnte nachts kaum schlafen. Das Gehen ermüdete ihn. So setzte er sich auf die Bank neben einer Strassenlaterne. Nur für einen Moment, dachte er, für länger war es zu frostig. Plötzlich rannte der Hund davon, und er hörte ihn im Wald bellen. Er rief, doch Ricco kam nicht.

 

Schutzengel Felice freute sich, dass der Hund seinen Wink verstanden hatte.

 

Ruedi erhob sich und folgte dem Hund. Er musste langsam gehen, die Spur durch den Schnee lief weg vom Weg in den Wald. Zum Glück hatte er eine Stirnlampe dabei. Er fand eine Frau, auf einem Mantel liegend am Boden. Sie war eiskalt, atmete kaum noch und der Puls am Hals war fast nicht mehr tastbar. Sofort rief Ruedi die Nummer 144 an. Dank einem Rega App auf seinem Handy konnte er die Koordinaten durchgeben. Krankenwagen, Rega, Polizei, die Presse, Fragen über Fragen liessen keine Zeit mehr, an etwas anderes zu denken.

 

Die Frau hatte keinen Ausweis dabei. Doch die Polizei konnte schliesslich herausfinden, dass es sich um Susanne M. handelte, die da dem Tod mit knapper Not von der Schippe gesprungen ist. In ihrem Magen fand man eine Menge Rotwein und unzählige Schlaftabletten. Die nächste Stunde hätte sie nicht überlebt.

 

Ein Jahr später, wieder an Weihnachten flog Felice erneut zur Erde. Durch das erleuchtete Fenster sah er Ruedi und Susanne zusammen in der warmen Stube Weihnachten feiern. Sie hielten sich an der Hand und sahen glücklich aus.

 

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