Rauhnächte

Ich hatte es mir aufregend vorgestellt, eine Hexe zu werden. Geheimnisvoll, verwunschen und voller Licht, Zauberstäbe und Hexenkessel. Ich hatte mich darauf gefreut, tiefere Einsichten in das grüne Gewebe der Natur zu erlangen und meinen Geschwistern, den Tieren, eine noch bessere Vertraute zu werden. Ich muss zugeben, dass ich mir sogar gewünscht hatte, als ausgelernte Hagazussa ein bisschen Respekt von den Mitmenschen einheimsen zu können.

 

Meine Ausbildung begann in der ersten Rauhnacht im Dezember. Nebelfetzen geisterten im kahlen Geäst der Bäume umher, als ich kurz vor Mitternacht in den Garten trat, um meine Kätzin und meinen Kater zum Spätimbiss zu rufen. Da spürte ich es zum ersten Mal. Es fühlte sich an, wie ein Luftbeben, wie Unsicherheit. Ich hatte den Eindruck, mein Gleichgewicht verloren zu haben, dennoch fühlte ich mich geerdet wie noch nie zuvor – es war, als hätte mein Innerstes Wurzeln geschlagen und flöge im selben Augenblick auf und davon, in eine … wie soll ich es nur mit Worten beschreiben … in eine Erweiterung der Welt hinein.

 

In der zweiten Rauhnacht blickte ich meiner Kätzin nach, als sie in einem Busch am Rand des Gartens verschwand. Sie hatte fast den ganzen Tag auf meinem Bett geschlafen. In ihrem Alter durfte man das. Trotzdem stimmte etwas nicht. «Nein, es wird noch nicht gegangen», dachte ich, untypisch resolut, «jetzt gibt es erst einmal etwas Feines zu essen.» Schon spurtete ich los und erwischte sie gerade noch, bevor sie mit den dunklen Schatten der Häuser unseres Dörfchens verschmelzen konnte. Meine Kätzin liess sich duldsam von mir zurück nach Hause tragen, ass mit gutem Appetit ihren Napf leer, schnurrte eine Weile, liess sich genüsslich ihre gepolsterten Wangen kraulen und machte sich dann erneut auf den Weg. Sie kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Mein altes Weibchen war über die Brücke aus Sternenlicht in die andere Welt hinübergegangen.

 

Ich hatte es geahnt. Ich wünschte, ich hätte sie nicht wieder losziehen lassen. Ich wünschte, ich hätte meiner Angst nachgegeben und wäre mitten in der Nacht mit ihr ins Tierspital gefahren.

 

In Rauhnächten scheinen die Welten näher aneinanderzurücken. Ich bin mir nicht sicher, ob der Schleier, der die Reiche trennt, in dieser Zeit feiner und durchlässiger wird, oder ob der rauhnächtliche Nebel unsere Fühler, unsere Antennen reinwäscht und uns empfänglicher macht.

 

Ich hatte mir in leuchtenden Farben ausgemalt, wie cool es sein wird, wenn sich mein Horizont nach allen nur erdenklichen Richtungen auszustrecken beginnt. Doch nun war ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch eine Hexe werden wollte. Mein Garten fühlte sich plötzlich fremd, unbarmherzig, ja, fast bedrohlich an, seit mein altes Weibchen gegangen ist. Und mein Kater? Er, der sonst empfindlich auf jede noch so kleine Veränderung reagierte, führte sein Katzenleben weiter, als hätte er nicht gerade seine Ersatzmutter und beste Freundin verloren.

 

Die dritte, vierte und fünfte Rauhnacht vergingen. Für mich konnte es auf einmal nicht schnell genug gehen bis zum sechsten Januar – der zwölften und letzten dieser Nächte. Bis mir aufzufallen begann, dass mein Katzenmann wählerischer, gschnäderfrässiger geworden war, was sein geliebtes Fressen anging. Wenn ich abends noch am Computer arbeitete, setzte er sich seit neuestem zu mir auf den Sekretär, hinter den Bildschirm, neben die Kerze (der Kater hatte Kerzen früher gemieden), und betrieb Fellpflege. Bei Sonnenuntergang sprang er immer öfter auf das moosbewachsene, windschiefe Steinmäuerchen rund um das Blumenbeet, von wo aus er unseren ganzen Garten überblicken konnte, und hielt Wache. Alles genau wie das alte Weibchen! Sie hatte den Kater darauf vorbereitet, ihre Pflichten zu übernehmen; und mir schien, als hätte er sogar einige Wesenszüge des alten Weibchens verinnerlicht.

 

Doch was bedeutet denn jetzt Hexesein? Bedeutet es, eine feine Nase, ein Gespür für die Vorgänge in der Natur zu entwickeln? Bedeutet es, hin und wieder einen winzig kleinen Eindruck von dem, was hinter dem Sicht- und Tastbaren liegt, geschenkt zu bekommen? Ich weiss es nicht.

 

Doch der Kater lehrte mich, Vertrauen zu haben ins Leben und in die Natur. Zu akzeptieren, was ist. Er hatte nicht versucht, das alte Weibchen zurückzuhalten. Er wusste, dass es Zeit war und machte es ihr leicht, zu gehen. Nun ist er der Hüter des Gartens, und nun leistet er seinem Menschen Gesellschaft und verbreitet Schnurr-Vibes vom Schreibtisch aus.

 

Ich glaube, eine Hexe zu sein, bedeutet nicht, zaubern zu können, sondern sich zu öffnen für den Zauber der Welt. Es bedeutet nicht, die Natur seinem Willen unterwerfen zu wollen, sondern zu ihren Melodien zu tanzen, ihrem Flüstern zu lauschen und mitzufühlen. Hexen brauchen weder Besen noch magische Kerzen, Dolche und Bannsprüche. Doch was Hexen brauchen, sind feline Brüder und Schwestern, die sie an die Pfote nehmen, auf die Erde zurückholen und durch die Dunkelheit führen. Ganz besonders in Rauhnächten.

 

So findest Du uns:

Schreibimpuls ca. 3 Minuten ab Bahnhof Uster zu Fuss  & von der Autobahnausfahrt Uster Nord - im 2. Stock / Parkplätze in der Nähe 

Zugverbindungen - SBB Fahrplan

 

14'     ab Zürich HB

11'     ab Zürich Stadelhofen

07'     ab Wetzikon

25'     ab Rapperswil

27'     ab Winterthur

Schreibimpuls

 

Silvana Jecklin

Neuwiesenstr. 9a

8610 Uster

 

impu@bluewin.ch

+41 79 837 73 71