Ein Anfang

 

Der Schnee kam in diesem Jahr spät. Die Festtage, die mein Herz regelmässig und zielsicher aus dem Gleichgewicht bringen, waren vorüber. Ob ich nun wehmütig war oder schlicht erleichtert? Es war vollbracht, das neue Jahr fand seinen Anfang. Ob ich meinen Anfang in diesem Jahr auch finden würde?

 

Mit diesen Fragen beseelt wanderte mein Blick umher, fand jene bernsteinfarbenen, wundervoll sanften Augen, die mir stets ein warmes Lächeln im Herzen schenken. Wieviel Anfänge, Enden und alles dazwischen wir erlebt haben!

 

Draussen fielen dicke Flocken und hüllten die Welt in eine behagliche Stille. Mit einer Augenbewegung zur Tür sprang Nico auf, schüttelte sich freudig.

 

Jedes mal war es ein besonderes Erlebnis im ersten Schnee in den Park zu gehen, die lange Allee herunterzugehen, an dessen Ende ein beinahe zu klein anmutender Brunnen steht, der seine Anmut erst im Frühling zu zeigen scheint, wenn er langsam von einem lichten Grün, sein unschuldig weisses Blütenmeer zu seinen Füssen preisgiebt. Es scheint, denn im Schnee wohnt Ihm dieselbe Schönheit inne – ruhiger, verborgen, kraftvoller.

 

Ich schlendere durch den Schnee, versuche mit meiner Zunge die Flocken zu fangen, während Nico sich wohlig wälzt, schnaubt und freudig herumtollt. Immer wieder sehen wir uns an, fordern uns zu neuen Albereien auf, laufen um die Wette, verlieren uns in diesem Moment des gemeinsamen Glücklichseins.

 

Die verschneiten Strassenlaternen auf ihren kunsvollen Pfosten haben eben zu leuchten begonnen, tauchen die Allee in ein warmes Licht. Wehmut und Melancholie holen mich ein.

 

Anfang – der Anfang – mein Anfang – das Neue – das Unbekannte. Wie kann ich es schaffen? Ich muss!

 

Es ist so ermüdend immer zu kämpfen. Sorgsam wische ich den Schnee von meiner Lieblingsbank, setzte mich, spüre wie sich meine Hände schwer wie Vorwürfe auf meine Beine legen. Mein Glaube, er liegt nicht in meines Herzens tiefster Hoffnung, heute ist es viel simpler.  Weder Kraft noch Härte oder besonderes Geschick werden mich zum Anfang führen. Auch kann ich den Spuren im Schnee, die mich meiner Schuld, die jüngst feststand, Stück um Stück entgegentragen, noch lange folgen – ich bin da. Ich bin da!

 

Vor einer Aufgabe, die all jenes von mir fordert, das ich nie kultivierte.

 

Vorbei die Tage des Heldentums, das nach Grösse, Stärke, Edelmut strebte? Oder ist es der Blickwinkel, der vorgeben will, was dahin führt? Heiligt der Zweck die Mittel?

 

In einer Welt voller Ordnungen und Bräuchen, erschaffen um sich dazugehörig zu fühlen, um nicht allein zu sein; muss ich erneut hinterfragen wer ich sein will? Nein! Mich darauf einzulassen habe ich noch nie in Betracht gezogen.

 

Damals, vor Kurzem, als ich noch mit Leichtigkeit jedem labilen Gleichgewicht Stabilität geben konnte, machte ich mir nie Gedanken um Grenzen, ich überflog sie. Gibt es heute Grenzen?

 

Nun, wo ich mir selbst die Grenze bin, mein Gleichgewicht kaum halten kann, frag ich mich nicht wie ich entrinnen kann, ich frage nur wie ich Frieden darin finden kann.

 

Im Grunde genommen ist es allerdings alles vollkommen irrelevant. Denn ich bin da, bin, wer ich immer war, vor mir mein liebster Freund, der den Schlüssel zu meinem Hadern in seinem Herzen trägt.

 

Es geht um die Entdeckung der unvorstellbaren Kräfte des «anderen Teiles»- ich weiss es nicht besser auszudrücken. Obschon ich es spüre, ja, sogar in mir trüge, bleibt es mir rätselhaft, kann ich es nur erahnen.

 

All die kleinen und grösseren Kriege, die ich ausfocht mit der Intension siegreich zu sein, zu erreichen wonach ich so begehrte, haben meine Sinne geschärft, mich stark, hart, unnachgiebig, standhaft gemacht. Ich frage nicht wozu, denn ich wollte nie missen was war. Nur dient es mir heute nicht mehr. Man kann sich selbst zurückstellen, gewiss, doch wie lange?

 

Es kam der Zeitpunkt, er schlich sich längst an, ich spürte es - ich war zu überheblich, glaubte an meine Grösse, meine Stärke, an meine Unbesiegbarkeit. Stand mit aller Kraft wieder und wieder auf, kämpfte, kämpfte für so vieles. Doch in Wirklichkeit gibt es nur die Eine, die man nie bezwingen darf, gegen die man niemals die Stimme erheben dürft, auch nicht zum Wohl der Andern. Diese Eine, die man nicht über Gebühr mit Lasten vollgepackt in die Schlacht ziehen lassen dürft. Ich habe es getan und nun bin ehrlich etwas erstaunt, dass sie ernsthaft verwundet wurde. Diese Eine bin ich.

 

Ich bin da, bin wer ich immer war. Verwundet.

 

Es ist nicht der Mut, sich dies einzugestehen, dass man verwundet ist, es ist eine simple, reale Tatsache. Ich bedarf der Heilung. Wie einfach es wäre, gäbe es ein Medikament! Ich müsste nichts ändern. Könnte weiterhin meine Energien defizitär verschiessen.

 

Heilung braucht Mut! Der Glaube es zu schaffen, den Neuanfang trotz Strauchelns zu schaffen.

 

Wo ist nun diese Stärke, der Eifer, die Härte es standhaft zu überwinden, die stoische Ruhe es auszuhalten? Wo immer sie sind, sie sind mir keine Hilfe!

 

Ich suche meine Hingabe, die Sanftmut mich ruhig im Arm zu halten, zu trösten, liebevoll mir zu verweigern was mich schwächt, fürsorglich zu unterstützen was mich heilt. Ich suche, suche das Argument, den Transformator, der aus der Kriegerin, eine Heilerin macht.

 

Erbost über diese Unfähigkeit es nicht zu wissen, balle ich meine Faust, möchte mit Inbrunst auf die Bank schlagen. Nicos Augen blicken fragend zu mir hoch, während mein Blick sich senkt. Hilfesuchend seh ich ihn an, streiche sanft über seinen Kopf, lächle Ihn dankbar an.

 

Diese bedingungslose Liebe, hier und jetzt, für die, die ich genau in diesem Augenblick bin, vorbehaltlos, gutmütig, es keines Grossmuts für mein Handeln bedarf, ich gemeint bin, nicht ich, wie ich sein könnt, müsst, sollt; es ist ein wundervolles Geschenk, es ist das Leuchten seiner Seele.

 

Nico mein Held, sag ich zu Ihm, steh auf, schüttle mir meinen weiss verschneiten, düsteren Umhang ab, lass es uns versuchen, aus reinem Herzen versuchen, lass uns den Anfang finden!

 

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