Der Morgen der Vermählung

Leicht gereizt räkelt sie sich unter ihrer rosafarbenen wolkenweichen Decke. Der Himmel über ihr ist noch dunkel verhangen. Zwischen diesen Vorhängen scheint ein zartes helles Blau hervor. Sie blinzelt und schickt zwei drei Strahlen goldenes Licht ins Universum.

 

In der Ferne hört sie die eisigen Winde pfeifen und sie schliesst erneut ihre Augen, steckt den Kopf unter die Decke, die sich durch ihre Blicke bereits leicht ins Orange verfärbt hat.

  

Sie ist nicht nur gereizt sondern auch etwas beleidigt. Seit einem halben Jahr stiehlt er ihr Tag für Tag ein paar Minuten – um genau zu sein 31! – schickt seine dunklen Wolken und lässt seine kalten rauhen Winde heulen. Und nun, heute, soll sie sich vermählen. Mit eben jenem Dieb! Aber das ist ihr Schicksal. Die rauhen Nächte haben eben erst begonnen.

 

Müde vom Kampf wickelt sie ihre wolkenweiche rosa-orange Decke noch etwas enger um sich. Sie weiss, dass sie keine Wahl hat. Es ist ihr Schicksal. Es ist das Schicksal aller leuchtenden Wesen. Sie können nur leuchten, wenn sie sich der Dunkelheit stellen.

 

Vor einiger Zeit – um genau zu sein vor ungefähr sechs Monaten – just am Tag ihrer grössten Leuchtkraft, begann es. Tag für Tag hatte sie Terrain verloren und heute den absoluten Tiefpunkt erreicht. Kraftlos und müde wälzt sie sich hinter den Wolken, schickt erneut einen Sonnenstrahl, wie um zu testen, ob noch genügend Energie da ist. Wie jedes Jahr staunt sie auch dies Mal erneut über diesen Zustand – kennt sie doch ihre ausserordentliche Kraft sehr wohl. Und es ist nicht leicht, sich damit abzufinden, dass ausgerechnet die Dunkelheit heute Oberwasser hat.

 

Ein leichter Schlaf überfällt sie – leicht und doch gerade so tief, dass ihr ein Traum erscheinen kann. Oder ist es eine Erinnerung? Sie ist sich nicht sicher. Die Hoffnung auf Erfüllung dieses Traumes verschleiert ihren Blick.

  

Und plötzlich setzt sie sich auf – den vollen Blick hinunter auf die Erde gerichtet. Tatsächlich! Es war kein Traum! Sie fühlt sich bestätigt und erleichtert. Die Erdenwesen unterstützen sie wirklich! Lichter überall – richtige Ketten, geschmückte Bäume, leuchtende Wesen!

 

Doch etwas stört, und vor lauter Freude über die Unterstützung sieht sie nicht auf den ersten Blick, was es ist. Erst ein leichtes Frösteln, hervorgerufen durch einen kühlen Windhauch, lässt sie erwachen. Leicht enttäuscht ist sie von diesen Lichtern doch. Keine Wärme, nichts. Nur Helligkeit.

 

Nachdenklich hüllt sie sich hinter den nächsten Wolkenball. Ob die Erdenwesen den Unterschied spüren? Ob sie die Sonnenwärme lieben oder ob sie sich lieber in diesen kühlen Lichtern sonnen? Was wohl der Unterschied sein mag? Ein Feuerball wie sie einer ist, kann den Unterschied nur erahnen.

 

Sie gibt sich dem Philosophieren hin - das ist das Schöne in dieser Zeit, in der ihre Kräfte schwinden. Die Musse zum Philosophieren zu haben ist das Glück im Moment.

 

Der Höhepunkt des Tages ist bereits überschritten – es wird eisig um sie herum und die ersten Flocken fallen aus ihren weichen Decken. Es wird Zeit, sich aufs Ja-Wort einzustimmen. Sie sucht sich eine flauschigfeine luftige weisse Wolke und hüllt sich ein. Edel sieht sie aus, prachtvoll – wie wenn sie eine weisse Pelzstola um ihre Schultern geworfen hätte. Sie sammelt ihre letzte Kraft – wenn schon, denn schon, denkt sie und nimmt eine stolze Haltung ein.

 

Schon klopft es – die Dunkelheit der Rauhnächte schwebt in der Sonne Gemach und baut sich vor ihr auf. Eigentlich ist er sehr schön, dieser Dieb, dachte sie kurz. Sein langer nachtblauer Mantel mit diesen glühenden kalten Punkten faszinieren sie Jahr für Jahr. Ihr Herz klopft. Es war soweit. Er reicht ihr seinen Arm.

 

Sie nimmt ihn, legt ihre Hand leicht auf diesen dunklen kühlen Mantel und für einen Moment spürt sie die Vereinigung, die Kraft des Augenblicks, das Glück.

 

Sie weiss, dass ihre Kraft jetzt Tag für Tag sachte zunehmen wird.

 

Er weiss es auch und er spürt es. Noch sind seine Helfer, die Winde, kraftvoll und stürmen ihm voran. Und heute hat er Glück - der volle Mond hat sich gerade am Nachthimmel breit gemacht. Das sind jeweils die schönsten Nächte – wenn er langsam dahinschmelzend die Sonne spürt, und weiss, dass seine grosse Zeit schwindet.

 

Das ist die Zeit, in der die Menschen ihn lieben. Wenn der volle Mond die Sonne küsst.

 

Er schliesst die Augen und gibt sich seinem Schicksal hin.

 

So findest Du uns:

Schreibimpuls ca. 3 Minuten ab Bahnhof Uster zu Fuss  & von der Autobahnausfahrt Uster Nord - im 2. Stock / Parkplätze in der Nähe 

Zugverbindungen - SBB Fahrplan

 

14'     ab Zürich HB

11'     ab Zürich Stadelhofen

07'     ab Wetzikon

25'     ab Rapperswil

27'     ab Winterthur

Schreibimpuls

 

Silvana Jecklin

Neuwiesenstr. 9a

8610 Uster

 

impu@bluewin.ch

+41 79 837 73 71