Das Buch

Fassungslos klappte er das Buch zu. Ein Blick durch das dunkle Fenster verriet ihm, dass draussen bereits der für die Nacht angekündigte Schneesturm tobte, die Flocken schossen gegen die Scheibe, der Wind heulte um die Ecke des Blockhauses. Es war kein Wetter, um sich draussen aufzuhalten. Bei der Kälte ging man nicht freiwillig vor die Tür. Und doch, er wusste, es blieb ihm nichts anderes übrig als hinauszugehen.

 

Immer wieder sah er den letzten Satz des Buches vor seinem inneren Auge: Du bist die Liebe meines Lebens. Genau in diesen Worten stand es da, Worte, die eine tiefe Hoffnungslosigkeit in ihm auslösten. Dabei fing der Abend so harmlos an. Wie jeden Tag kam er gegen 6 Uhr von der Arbeit nach Hause, versorgte seine Winterjacke und Schuhe in der Garderobe, machte den Cheminée an und wärmte sich davor. Zunächst dachte er, sie wäre noch zum Einkaufen weggegangen, aber als sie nicht zur gewohnten Zeit zurückkam, fing er an sich Sogen zu machen. Er streifte durch das Haus auf der Suche nach Hinweisen, nach einem Zettel, der ihr Fernbleiben erklären würde. Und dann fad er es, ihr Tagebuch, wie auf dem Präsentierteller lag es auf seinem Kopfkissen. Er wusste nicht, welche Geheimnisse sie darin verwahrte, aber er war sich sicher, dass er hier die Antwort auf seine Fragen finden würde. Und so stand er nun mit dem zugeklappten Buch in der Hand vor dem Cheminée. Sein Entschluss war schneller gefällt, wie er den Gedanken überhaupt zu Ende führen konnte. Schnell zog er seine warmen Wintersachen an, schnappte die Schneeschuhe und machte sich auf den Weg.

 

Er hatte eine vage Vermutung, wohin sie gegangen sein könnte. Es war schwierig, in dem Wintersturms Spuren im Schnee ausfindig zu machen. Aber letztlich fand er sie und folgte ihnen. Mit gezieltem Schritt stapfte er durch den Schnee, der immer tiefer wurde, je weiter er kam. Sein Weg führte ihn durch den Wald in Richtung Fjell, wo er sie vermutete. In seinem Inneren tauchten Bilder auf, Bilder, in denen er glückliche Momente mit ihr verbrachte, in denen er mit ihr oben auf dem Fjell stand, über die weiten Ebenen schaute, der Himmel so dicht über ihnen, um sie herum alles in einem jungfräulichen Weiss gehalten. Sie liebten diese Wanderung, zeigte sie ihnen jedesmal aufs Neue Gottes wunderbare Schöpfung. Doch dieses Mal hatte er keinen Blick für die Schönheit der Landschaft um sich herum. Wegen dem dichten Schneefall konnte er so oder so kaum etwas von seiner Umgebung wahrnehmen. Der Aufstieg liess ihn ins Schnaufen kommen, aber an seinen Händen und Füssen spürte er die Kälte, wie sie sich in seinem Inneren allmählich und unaufhörlich ausbreitete.

 

Du bist die Liebe meines Lebens - wieder kam ihm der Satz in den Sinn. Und deshalb konnte er ihr Verhalten nicht verstehen, er konnte und wollte nicht akzeptieren, was sie vorhatte zu tun, wie sie die Situation lösen wollte. Sie war doch auch seine grosse Liebe, wusste sie das denn nicht? Hatte er es ihr nicht oft genug gezeigt?

 

Er verspürte Durst und wurde sich da erst bewusst, dass er keinen wärmenden Tee mitgenommen hatte. Aber jetzt war auch keine Zeit, sich um die körperlichen Bedürfnisse zu kümmern, er musste weiter, schnell weiter, bevor es zu spät wäre. Wieso hatte sie nicht mit ihm geredet? Sie hätten das doch gemeinsam durchstehen können. Er befürchtete, dass er auf diese Frage keine Antworten mehr bekommen würde.

 

Und dann schoss ihm der andere Satz aus ihrem Tagebuch in den Sinn. „Ich habe ALS im fortgeschrittenen Stadium“. ALS, eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, verlief tödlich, so weit reichte sein Wissen aus den Medien. In der letzten Zeit war ihm aufgefallen, dass ihr Dinge aus der Hand fielen, dass sie öfter stolperte als üblich, aber das war noch kein Grund, sein Leben zu beenden.

 

Obwohl sich die Müdigkeit in ihm ausbreitete, trieb ihn die Angst um sie immer weiter. Er gönnte sich keine Verschnaufpause, er wollte nicht zu spät kommen. Und wenn doch? Diesen Gedanken konnte er nicht ertragen, ein Leben ohne sie wäre für ihn undenkbar.

 

Die Kräfte verliessen ihn zusehends, er kam langsamer und langsamer voran. Die Kälte forderte ihre Tribut. Ob dieser Ausweglosigkeit verspürte er eine tiefe Traurigkeit, die ihn ein paar Tränen vergiessen liess. Kaum rannen die Tränen die Wangen herunter, gefroren sie an Ort und Stelle und brannten auf seiner Haut.

 

Allmählich konnte er die Kuppe des Fjells ausmachen. Nicht mehr lange und er wäre oben, dort, wo er sie vermutete. Noch ein kurzer steiler Anstieg und er hoffte, sie in seine Arme schliessen zu können.

 

Als er oben ankam, konnte er ihren Anorak dank der Leuchtstreifen in der Dunkelheit sehen. Er lief mit seinen letzten Kräften so schnell er konnte zu ihr. Sie sass regungslos mit dem Rücken zu ihm auf einem Schneehaufen mit Blick über den See zu ihren Füssen. Neben sich sah er eine umgefallene, fast geleerte Flasche Whiskey. Er traute sich nicht, die Hände nach ihr auszustrecken. Auf das Rufen ihres Namens reagierte sie nicht, sodass er doch sie zögerlich mit einem Finger auf die linke Schulter tippte. Er erahnte die Bewegung mehr als dass er sie aufgrund der Tränen in seinen Augen sah, sie kippte langsam aber unaufhörlich zur Seite und fiel in den Schnee. Sein Herz krampfte sich zusammen und aus seinem tiefsten Inneren erschallte ein zutiefst verzweifelter Schmerzensschrei.

 

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