Spiel im Dunkeln B

 

Wäre Hektor ein Säugetier, würde er das Maul weit aufreissen, ausgiebig gähnen und seine Glieder strecken, um den Schlaf aus ihnen zu vertreiben. All dies tut Hektor nicht. Vielmehr schaltet sein zentrales Nervensystem bei Einbruch der Dämmerung unvermittelt in den Wachmodus. Ohne Verzögerung laufen seine Programme an: die gefiederten Fühler nehmen die Suche nach Molekülen weiblichen Lockstoffs in der Luft auf, und die Flügelmuskulatur beginnt zu vibrieren, um auf Betriebstemperatur zu kommen.

 

Hektor ist ein Nachtfalter, weder besonders gross noch ausgesprochen hübsch. Weil Mutter Natur es so eingerichtet hat, dass sich die Männchen seiner Art alle gleichzeitig auf Brautschau begeben, hat Hektor in den vergangenen Nächten ordentlich Konkurrenz gehabt. Doch deren und Hektors nächtliche Streifzüge sind bislang erfolglos geblieben; die Weibchen sind noch nicht da. Zwar hat vom Waldrand her gelegentlich ein verlockender Duft herüber geweht, aber etwas daran ist Hektor falsch erschienen, weshalb er ihm nicht nachgegangen ist - ganz im Gegensatz zu seinen Artgenossen, von denen er viele hat in den Wald hinein fliegen sehen. Hektor hat keinen von ihnen je wieder angetroffen, überhaupt kommt es ihm so vor, als  wären jede Nacht weniger von seinesgleichen unterwegs.


Als seine Flügelmuskulatur Betriebstemperatur erreicht hat, stösst sich der Falter von der Rinde seines Ruhebaums ab und schwirrt los. Systematisch durchkämmt er sein Revier nach jenem Duft, der ihn zu einem Weibchen seiner Art führen wird. Gelegentlich legt Hektor an den gewohnten Ruheplätzen eine kurze Rast ein. Nirgends macht ihm heute ein Artgenosse den Platz streitig, nicht einmal den etwas klein geratenen, aber umso frecheren Kerl mit der auffälligen Scharte am linken Hinterflügel trifft er an. Hektor hat ihn gestern Nacht unweit des Waldrands mehrmals von seinem Lieblingsruheplatz am dicken Stamm einen Avocadobaums verscheuchen müssen. Zum letzten Mal hat er den Kleinen gesehen, als er auf der Flucht vor ihm flink in den dunkeln Wald hinein davon schoss.

Hektor erscheint es so, als wäre er der einzige verbliebene Vertreter seiner Art im Revier. Als er auf einem seiner einsamen Streifzüge dicht am Waldrand entlang surrt, schlagen seine Rezeptoren plötzlich Alarm und lassen das Ortungsprogramm anlaufen. Er umkreist den Ursprung des Reizes bis er weiss, aus welcher Richtung er kommt. Dann nimmt er die Rückverfolgung auf. Zielsicher fliegt der Falter durch die stockdunkle Nacht, ohne mit Bäumen, Büschen oder Laubblättern zu kollidieren. Die Spur führt Hektor hinein in den Wald, die Intensität des Geruchs nimmt zu. Hektor nähert sich seinem Ziel, und wieder überfällt ihn ein Zögern. So verlockend der Duft auch scheint, etwas daran irritiert ihn. Wäre Hektor ein reflektiertes Lebewesen, würde er sich vielleicht sagen, dass ein alternder Gigolo es sich nicht erlauben kann, wählerisch zu sein, und weiter fliegen. Weil Hektor aber ein Nachfalter ist, kann er sich nicht über seine Programme hinwegsetzen. Sein Instinkt befindet nun mal, dass dieser Geruch nicht richtig ist, also bricht Hektor das Ortungsprogramm ab und leitet eine jähe Wende ein. Er ist kaum von seiner ursprünglichen Flugbahn abgewichen, da schiesst etwas frontal auf ihn zu, streift ihn gerade noch seitlich am Körper und scheint ihn kurz festhalten zu wollen. Aber Hektor gerät nur ins Trudeln, kommt frei und schiesst davon, hinaus aus dem Wald. Erneut lässt er sich am Stamm des Avocado-Baums nieder und mithilfe von Beinen und Mundwerkzeugen befreit er die Behaarung an seiner getroffenen Körperseite von den Spuren einer klebrigen Masse, die jenen Duft verströmt, dem er zuvor in den Wald gefolgt ist.

 

Draussen auf der Lichtung holt die Bolaspinne ihre Fangvorrichtung ein: ein einzelner langer Seidenfaden, an dessen Ende ein Leimtropfen befestigt ist. Letzterer ist durch die Kollision mit dem Falter beschädigt, und der Faden überdehnt. Die Bolaspinne ist über den Fehlschlag nur mässig enttäuscht. Seit die Flugzeit der Falter eingesetzt hat, ist der grosse Hunger vorbei. Sie und ihre Schwestern, von denen auf jedem Strauch der Lichtung mindestens eine wohnte, sind dick und rund gefressen von all den liebestollen Faltermännchen, die sie in den vergangenen Nächten angelockt und erbeutet haben.

Die Nacht neigt sich ihrem Ende zu, trotzdem webt die Spinne einen neuen Seidenfaden. An dessen Ende bringt sie einen Leimtropfen an, den sie zuvor mit dem Imitat des Nachfalter-Lockstoffs füllt. Vielleicht wird ihr die sterbende Nacht ja einen weiteren unvorsichtigen Falter schicken, damit sie, einem argentinischen Gaucho gleich, ihre Bola nach ihm schleudern kann. Und diesmal wird sie wieder so treffen, dass die Beute am Leimtropfen kleben bleibt.

 

 

Als Hektor am folgenden Abend erwacht, beginnen seine Pheromon-Rezeptoren sofort verrückt zu spielen: die Weibchen sind gekommen. Als der Falter sich in den beiden folgenden Nächten mit zwei von ihnen paart, erfüllte er den Sinn seines Lebens: Hektor stärkt seine Art, indem er Nachkommen zeugt, die nicht auf das falsche Spiel der Bolaspinnen hereinfallen werden.