Spiel im Dunkeln A

Wenn Blicke töten könnten, wäre das Buch, das unschuldig auf dem kleinen Holztisch lag, tot umgefallen. Mit angezogenen Beinen sass sie auf ihrem Sofa. Die vielen angezündeten Kerzen verliehen dem kleinen Raum eine warme Atmosphäre. Ihr Gemütszustand widerspiegelte das Gegenteil. Ihre Gedanken schweiften ab, zu dem Tag, als ihre Freundin überraschend zu Besuch kam. Sofort hatte Sue das kleine rote Päckchen in Jennas Hand gesehen. Die Freude war schnell verflogen, als Sue das ausgepackte Buch in der Hand hielt und den Titel las.
 
Bevor Sue das Buch begann zu lesen, lag es eine Woche unangetastet auf ihrem Nachttisch. Immer wieder erwischte sie sich dabei, wie sie einen verstohlenen Blick darauf warf. «Erfolgreich Wünschen». Von solchen Dingen hielt sie nichts. Ihre Freundin hingegen war schon fast davon besessen.
 
Ein einziges Mal hatte sich Sue von Jenna überreden lassen, einen Wunsch aufzuschreiben und ans Universum zu senden. Im Nachhinein wusste Sue nicht, ob der Wein daran schuld war oder ob sie gehofft, hatte das Jenna sie danach mit diesem Thema in Ruhe lassen würde. Leider hatte sie damals Jennas Worten, sie solle ihren Wunsch möglichst genau formulieren, nicht die nötige Beachtung geschenkt.

Seit der Bestellung ihres Wunsches war ein halbes Jahr vergangen. Ein halbes Jahr, dass Sue nicht so schnell vergessen würde. Der plötzliche Tod ihrer geliebten Grossmutter vor drei Monaten hatte Sues bodenständiges Leben von einem Tag auf den anderen aus den Fugen gerissen. Nachdem Sue als 8-jähriges Mädchen bereits ihre Mutter an einem Krebsleiden verloren hatte, war neben ihrem Vater ihre Grossmutter ihre wichtigste Bezugsperson gewesen. Die Erinnerung an diesen schmerzlichen Verlust trieb ihr die Tränen in die Augen. Mit ihnen schweiften Sues Gedanken ab zu diesem verhängnisvollen Abend, als sie Tom kennen gelernt hatte. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, hatte Jenna sie davon überzeugt sie in die neu eröffnete Bar zu begleiten. Sue fiel der gutaussehende Typ in der Ecke gleich auf. Sie kannte ihn von irgendwo. Ihre Blicke kreuzten sich immer wieder, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. Er war der Mann, der ihr im Aufzug ein Taschentuch gegeben hatte, als sie ihre Grossmutter das letzte Mal im Krankenhaus besucht hatte. Bereits leicht beschwipst, fiel es ihr nicht schwer Tom anzusprechen und sich für nette Geste von damals zu bedanken.
Bis zu diesem Zeitpunkt war Sue Single aus Überzeugung gewesen. Sie hielt nichts von Beziehungen und wollte unabhängig sein. Was sie brauchte, holte sie sich auf ihre Weise und sie war glücklich dabei. Dieser Typ brachte all ihre Grundsätze durcheinander. Sie war dabei sich unsterblich zu verlieben, obwohl er nicht in ihr Leben passte. Er war zu normal, aber genau diese Normalität versetzte sie in eine Faszination, die für sie gefährlich werden würde. Sie fühlte sich ihm so nah, wie sie sich noch keinem Mann nah gefühlt hatte. Sie liebte es mit ihm bis spät in die Nacht bei einem Glas Wein zu philosophieren und in seinen Armen zu liegen. Sie entdeckte durch ihn, ihre weiche weibliche Seite und konnte sich in seinen Armen fallen lassen. Sie genoss die Zweisamkeit mit ihm ohne, dass Langweile aufkam. Er zeigte ihr eine Art und Weise zu lieben, die sie noch nicht gekannt hatte. Bei ihm konnte sie Schwäche zeigen, ohne sich schwach zu fühlen. Sie konnte bei ihm sie selbst sein und es fühlte sich richtig an. So sehr sie die neu entdeckte Liebe mit ihm genoss, so sehr gab es etwas, dass ihr Sorgen bereitete.

Seit zwei Wochen spürte sie das lodernde Feuer in sich aufsteigen. Noch hatte sie es im Griff, aber wie lange wusste sie nicht. Sie wusste, dass sie ihre besonderen Vorlieben mit ihm nicht ausleben konnte. Mehr als einmal hatte sie versucht ihn auf ihren speziellen Geschmack aufmerksam zu machen. Erfolglos. Egal ob sie einen Sexfilm mit ihm anschauen wollte oder Fesselspiele vorschlug. Der entsetzte Blick in seinen Augen tat ihr schon fast weh

Sie musste sich entscheiden für ein Leben mit Tom oder ein Leben als Domina Letizia. Beides ging nicht.

Sie verfluchte dieses kleine Buch, das vor ihr auf dem Tisch lag. Nur deswegen steckte sie in diesem Dilemma.

Wieder hörte sie Jennas Worte: Das Universum liefert immer wie bestellt. Formuliere deinen Wunsch präzise.

 

Unpräzise:   «Ich verliebe mich unsterblich»
Präzise:       «Ich verliebe mich unsterblich, in jemanden mit dem ich meine Domina-               Vorlieben ausleben kann»